Legionäre, Migranten und die Champions League
In Bezug auf Integration könnten die Schulen viel vom Fußball lernen, meinten Lehrer der HAK Monbergergasse und luden vier prominente Spieler und Trainer an die Schule ein
Mario Haas, Gilbert Prilasnig, Werner Gregoritsch und Umut Kocin waren am Mittwoch, 2. Dezember 2010, zu Gast an der Handelsakademie Monsbergergasse, um den Schülern einer ersten Klasse im Rahmen von Interviews über Themen wie Teamgeist, Integration, faires Verhalten und soziales Engagement Rede und Antwort zu stehen.
Nach der Begrüßung durch Direktor Mag. Reinhard Schmierdorfer war zuerst Mario Haas an der Reihe. Dieser Spieler ist eine Sturm-Legende, er war schon beim ersten Meistertitel 1998 und bei den Spielen der Champions League gegen Real Madrid oder Manchester United dabei. Als Legionär ist er zuerst nach Straßburg und dann zwei Jahre nach Japan gekommen, wo er das Dasein als Ausländer in einer vollkommen fremden Kultur am eigenen Leib erlebt hat. Er meinte, die Japaner seien sehr distanziert und so habe er sich allein zurechtfinden müssen. Im Ausland müsse man mehr Leistung bringen, um akzeptiert zu werden. Sein Ratschlag: “ Wenn Ausländer zu uns kommen, muss man sich um die Spieler mehr annehmen.“
Gilbert Prilasnig ist Chef der Sturm-Nachwuchsakademie und seit Jahren Teamchef des Obdachlosen (=Homeless)-Nationalteams. Gilbert weiß genau, was Integration bedeutet - für Ausländer, aber auch für inländische Außenseiter der Gesellschaft. Mitbegründet wurde der Homeless World Cup vom Grazer Harald Schmied, dem Chefredakteur der Straßenzeitung „Megaphon“, und erstmals 2003 im Rahmen von „Graz, Kulturhauptstadt Europas 2003“ als Homeless Streetsoccer World Cup umgesetzt. Ein Jahr später hat Harald Schmied Gilbert Prilasnig angerufen und gebeten, die Betreuung des österreichischen Homeless-Worldcupteams zu übernehmen. Das soziale Engagement des Fußballers für die Obdachlosen zahlt sich aus: Nach den Spielen befragt, geben zwei Drittel der Spieler an, dass sich ihr Leben nach dem Homeless World Cup entscheidend verändert habe. Doch nicht das Ende des Obdachlosendaseins sei der Hauptgewinn meinte Gilbert Prilasnig. „Der größte Erfolg für die Spieler ist, dass ihnen durch den Homeless-World Cup die Möglichkeit geboten wird zu zeigen, was sie können, nicht was sie sind, das gibt ihnen ihr Selbstwertgefühl und die Motivation zurück.“
Werner Gregoritsch kennen alle Fans als sehr emotionalen Trainer, derzeit arbeitet er beim Kapfenberger SV. Da er selbst viele Jahre Lehrer gewesen ist, hat er die meisten Parallelen zwischen Schule und Fußball gezogen. Ein Trainer bzw. ein Lehrer müsse menschliche Qualitäten haben und auch vermitteln, die Werte und Regeln einer Klassengemeinschaft seien auch die eines Fußballteams. Der schönste Vergleich: „Jedes Spiel ist wie eine Matura.“ Und für ein Team sei der Gemeinschaftsgeist entscheidend. Offenheit und Toleranz seien für ihn Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit. So habe er z. B. von Umut Kocin, der derzeit für Kapfenberg spielt, als Trainer viel über muslimische Religion gelernt.
Umut Koçin ist ein Paradebeispiel für gelungene Integration, aber auch für ein fußballerisches Leben zwischen den Kulturen. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Türke, als seine Heimat sieht er Deutschland. Er war für Arminia Bielefeld ebenso tätig wie für einen türkischen Klub der höchsten Spielklasse und die U19-Nationalmannschaft der Türkei. Derzeit spielt er für den Kapfenberger SV. In Kapfenberg fühlt er sich wohl und ist gut in die Mannschaft integriert. Vor den Spielen betet er und seinem Trainer, Werner Gregoritsch, scheint er eine Hochachtung und ein Verständnis des Islams vermittelt zu haben.
Nach den Interviews gaben die Gäste Autogramme und mancher Schüler besitzt nun ein Foto, auf dem er mit seinem Lieblingsstar zusammen zu sehen ist. Die Lehrer und die Schüler haben von dieser Begegnung gelernt, dass ein vorurteilsfreies Miteinander, gegenseitige Anerkennung und Toleranz die Grundlage für Welterfolge sein können.